Gerd Lau: Wunschloses Unglück mit Schulbüchern? In: DAS SCHULBLATT (Dez. 1993), S. 17-19.

((Fußnote: Wesentliche Anregungen verdankt der Autor einer Diskussion mit Kollegen Prof. Dr. Rainer Gauß))

Die prä-autonome Phase der österreichischen Schule

Diese Gedanken reflektieren Bemühungen, während der vergangenen fünfzehn Jahre immer wieder neue Schritte zu setzen, um die Lage der Ausländerkinder und der sie Unterrichtenden zu erleichtern. Dabei war es mitunter beschwerlich, die Aktionen von einer Stammschule AHS aus zu führen und dabei gleichzeitig an der Pädagogischen Akademie und an verschiedenen Hauptschulen zu arbeiten. In diesen Überlegungen zur Zukunft der Schulbuchaktion spielen die Begriffe "gratis", "umsonst" und "kostenneutral" mit -sind aber nicht immer nur auf Buchseiten und Autorenhonorare bezogen, sondern auch auf viel Zusatzarbeit, die bei unzähligen Kolleginnen und Kollegen beobachtbar war, sobald sie die heute durch pädagogische Sendboten verkündete Schulautonomie vorwegzunehmen wagten.

Denn schon vor der SchOG-Novelle bestanden natürlich eine Reihe von Gestaltungsmöglichkeiten, um einer Schule Profil zu verleihen - oder vor dem Ärgsten zu bewahren. Da waren Freifächer, Unverbindliche Übungen, Pluskurse als Diversifizierungsmöglichkeiten, die allesamt mit erheblichem administrativen Aufwand verbunden waren, was z.B. den Stundenplan inklusive Raumplanung betraf. Bei den Pluskursen und beim Muttersprachlichen Unterricht (für Immigrantenkinder) mußten diese Koordinationen oft sogar zwischen mehreren Schulen bewältigt werden. Hinzu kamen die z.T. immer noch laufenden Schulversuche.

Nun aber sind wesentlich weitergehende inhaltliche, schulrechtliche und finanzielle Fragen betroffen. Von welchem Blickwinkel aus sich die Diskussion nun entfalten wird, ist offen. Mitgedacht zu werden, das verdienen allemal jene Initiativen, die schon vor Jahren Bildungspolitikern vorgetragen wurden. Darunter waren nachweislich auch solche, die mit Problemen der Lehrmittel für Ausländerkinder verbunden waren. Denn in der Unterrichtung von Immigranten waren die blinden Flecken der Schulbuchaktion immer besonders peinlich. Daß solche blinden Flecken sich nun mehren, ist zu erwarten, denn bei zunehmender Vielfalt in den Schulen kann "Dino"-Schulbuchaktion nicht mehr in gewohnter Weise mithalten. Andere Lösungen sind leider noch nicht in Sicht.

Insofern kann aus dem Bereich der alten "Ausländerpädagogik", des neuen "Interkulturellen Lernens" jene Bewegung erkannt werden, die nun viel mehr Schulen erfassen wird, auch wenn sie keine Immigrantenkinder haben. Es geht um die Veränderung des Familienlastenausgleichsfonds-Gesetzes, in welchem festgeschrieben ist, daß (approbierte) Schulbücher in das Eigentum von menschlichen Individuen, eben unseren Schülerinnen und Schülern, übergehen. Und in welchem aufgrund des bestehenden Urheberrechts zugleich verankert ist, daß sich mehr und mehr Unterrichtende in die Illegalität begeben, sobald sie einen der vielen Auswege beschreiten, um Lehrmittel an der Hand zu haben, wenn der Schulbuchmarkt die pädagogischen Bedingungen nicht mehr abdeckt. Doch sehen wir uns vorerst im Detail die neue große Freiheit an.

Wie Weichen gestellt werden

Wirft man heute einen Blick in die Schulhäuser, könnte man meinen, einem privatwirtschaftlichen Marketingseminar in Sachen Erziehung und Unterricht beizuwohnen. Ratschläge und Warnungen ohne Zahl! Da ertönt die Warnung davor, die schulinterne Autonomiediskussion durch Kalküle über die Stundenverteilung zu eröffnen! - Aber lag nicht gerade in diesem Blickwinkel oft die einzige Logik der vergangenen Jahrzehnte? Und daran haben sich die Schulen eben gewöhnt. Wird ein "Freiräume"-Arbeitskreis im BMUK da rasch einen Perspektivenwechsel herbeiführen können?

Da richtet sich der Blick wohl als nächstes auf die lokale Konkurrenz ebenso wie auf die jeweilige hauseigene Lobby: Was führt sie im Schilde? Was davon wird offen ausgesprochen? Was bleibt dem Weit- oder Röntgenblick der Insider vorbehalten und wird vielleicht erst im dritten oder vierten Jahr nach der SGA-Entscheidung voll zutage treten? Jedenfalls ist eine 2/3-Mehrheit im Schulgemeinschaftsausschuß erforderlich, was einen breiten Konsens erzwingt und auch davor bewahren soll, daß Schulen sich auf einen Zick-Zack-Kurs begeben.

In der Frage der Typenbildung allerdings findet Autonomie ihre Grenzen, was auch für manche Schulbücher Bedeutung haben wird, die spezifisch für den einen oder anderen Typ approbiert sind: Ein Realgymnasium (z.B. RG mit typenbildenen naturwissenschaftlichen Fächern) oder ein Gymnasium mit Schwerpunkten bleibt ein solches. Viel mehr Spielraum ergibt sich aber in den Hauptschulen.

Eröffnungs- oder Teilungszahlen können selbständig verändert werden, was tiefgreifende Auswirkungen auf die einzusetzenden Methoden haben kann. Auch auf der Lehrplan-Ebene können selbständig neue Bestimmungen getroffen werden, wie z.B. die Einrichtung einer Klassenvorstandsstunde oder auch ein Unterrichtsgegenstand "Feiern" - in Vorarlberg bereits erfolgt. Profilbildungen, Schwerpunktbildungen, spezielle Ausrichtung von einzelnen Klassen oder sogar der ganzen Schule sind nun ebenso möglich wie die Betonung dieser oder jener Sozialform, z.B. Kleingruppenunterricht oder Projektunterricht.

Ein Vor-Signal stand auf Grün

Gerade in diesem Zusammenhang soll kurz auf die Situation jener Schulen eingegangen werden, die mehr oder weniger plötzlich Immigrantenkinder aufnahmen bzw. vorfanden. Mit der SchOG-Novelle 1992 wurde die Kategorie des "besonderen Förderunterrichts" für den Zusatzunterricht in Deutsch geschaffen. Neu dabei war, daß innerhalb der Schule entschieden werden darf, ob dieser Förderunterricht "integrativ", "unterrichtsparallel" oder "additiv" stattfindet. Damit würden sich, das ahnte man damals schon, durchaus weitreichende Konsequenzen für das Schulleben ergeben (z.B. Team-teaching), und zudem würde die Antwort auf die Frage nach den Unterrichtsmitteln und Schulbüchern immer unterschiedlicher ausfallen. Wie heißt es doch schon 1992 in dem Lehrplanzusatz Deutsch (BGBL 1992):

Zitat: "Der Lehrplan-Zusatz "Deutsch für Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache" ist in Verbindung mit dem Lehrplan "Deutsch" als Grundlage für das Lehren und Lernen von Deutsch als Zweitsprache im Rahmen des interkulturellen Lernens auf der Zielebene ("Bildungs- und Lehraufgabe"), auf der Stoffebene und auf der methodisch-medialen Ebene ("Didaktische Grundsätze") zu verstehen.

Eine detaillierte Berücksichtigung der zum Teil sehr unterschiedlichen Vorkenntnisse der Schüler in der Zweitsprache Deutsch kann nicht im Lehrplan, sondern nur auf der Ebene der klassenbezogenen Jahresplanung unter Berücksichtigung des jeweiligen lernorganisatorischen Modells, das an der Schule verwirklicht wird, erfolgen."

Das bedeutet also bereits eine Betonung des schulinternen Entscheidungsraums auf Kosten des überständigen Zentralismus.

Weiter unten wird ein Querschnittsbericht aus dem Jahr 1993 über die Organisationsmodelle und Lehrmittel für Deutsch als Zweitsprache referiert. Zunächst aber zurück zur aktuellen Autonomiediskussion, wie sie jetzt in den Schulen zu führen ist. Binnen weniger Monate wird ja die erste Runde schon gelaufen sein.

Es können nun auch ergänzende Bildungs- und Lehraufgaben in die Lehrpläne aufgenommen werden, wie etwa eine Betonung der Konzentrationsfähigkeit. Aber auch der Förderunterricht erlebt eine Aufwertung: Er darf jetzt in allen Unterrichtsgegenständen stattfinden, nicht mehr nur in Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen.

Die Grenzen sind noch dort gesetzt, wo es um die Wahrung der Einheitlichkeit des Schulwesens geht, vor allem bei den Übertrittmöglichkeiten in andere Schulen.

Über die Folgen der Autonomie wird in den nächsten Monaten viel gesprochen, geschrieben, und weil wir in Österreich sind, auch mehr verholen als unverholen gemeckert werden. In der Hand gewisser gesellschaftspolitischer Gruppen wird die Autonomie der Zündfunke sein, erloschene bildungspolitische Dauerbrenner zu entfachen, z.B. die Auswahlkriterien, welche Schülerinnen und Schüler für diese oder jene Schwerpunktbildung teilnahmeberechtigt sein sollen: Wird die Fackel der Aufnahmsprüfung wieder von Hand zu Hand wandern, bis sie selbst an den Toren der allgemeinbildenden Schulen gesichtet wird?

Man wird aber auch fragen müssen, ob diese große Freiheit bei den äußeren Bedingungen nicht oft auf große Enge stößt, ja in der Frage der Unterrichtsmittel die Verantwortlichen nicht schlichtweg in die Enge getrieben werden.

Der Beglückungszwang ministerieller Materialgaben

Seit die großen bildungspolitischen Reformen in den Sechzigerjahren den parlamentarischen Konsens gefunden hatten, fanden mehr und mehr Reforminhalte weniger in Lehrplänen als in materiellen Behältnissen Raum. Ob es nun Koffer mit Bestimmungswörtern wie Zeitgeschichte- oder Sex- sind, ob es Folienmappen oder schlichtweg Skripten und Broschüren waren, sie alle ersparten sich die Bewährung am Markt. Wielange sie - oft in einer bildungspolitischen Marktlücke gesprossen - in Verteilung blieben, wie oft sie überarbeitet wurden, wie farbenprächtig sie erstrahlen durften, diese Blüten saugten ihre Säfte aus Budgets verschiedener Abteilungen. Und welche Abteilung läßt schon gerne zu, daß ihre Bedeutung schwindet? So vermehren sie sich die Blüten: als bescheidene Vergißmeinnicht; als jeder Witterung trotzende Stiefmütterchen; als hartnäckig überwinternde Tulpenzwiebel, die umso überraschender wieder hochschießen und hier sind, als wäre alles beim alten.

Dabei sind sie vor parlamentarisch hochgespielten Anfeindungen nicht sicher. Das ist man gewohnt. Daß diese Blüten abteilungsinterner Verlegertätigkeit aber so lange von den Verlagen nicht als das bezeichnet wurden, was sie eigentlich sind, nämlich eine Art bildungspolitischer Ersatzwährung, war auf den Kampf der Verlage um die großen Happen am Schulbuchmarkt zurückzuführen. Dieser Wettstreit hat noch nicht geendet. Doch nun erwecken auch kleinere Häppchen schon Appetit. Und die Bereitschaft von Autoren ist gewachsen, auch für bescheidenere Marktsegmente zu arbeiten. Hier entstehen Kollisionsbereiche: Werden sich die Editionen im Interesse der Abteilungsbudgets durchsetzen (ein durchaus nicht grauer Markt), oder gewinnt der vielgepriesene freie Markt?

Damit kommt Bewegung auf. Doch diese Bewegung findet zunächst noch keine klare Richtung. Oft mangelt es nämlich allzu lang an klaren pädagogischen Rahmenbedingungen. Deutsch als Zweitsprache (bzw. Fremdsprache) darf da als Paradigma gelten, verbunden mit dem muttersprachlichen Unterricht für Immigrantenkinder. Sobald dieses Beet einmal ausführlicher beschrieben wurde, erschien es vielen als Unkrautstreifen im Niemandsland. Die Pädagogen, die ihre Schäflein dorthin zum Grasen führten, wähnten sich in der Rolle von Abenteurern. Da waren, wenn man die Hintergründe studiert, durchaus Schäfer aus den Zentralstellen dabei, denen Urheberrechte als Relikte geistigen Feudalismus erschienen. (Einblicke, 1993)

Die Mär von Robin Hood: mit Xerox, Canon, und Agfa als Gefährten

Der Fachverband ÖDaF faßte neulich, nach öffentlicher Diskussion, folgendermaßen zusammen: (Kernegger et al., 1993)

"Die derzeitige Lage ist gekennzeichnet durch eine relativ unübersichtliche Fülle von Unterrichtsbehelfen, die - aus der jeweiligen Notsituation geboren - mehr oder weniger professionell gemacht, vielfach aber auch nur aus Bestehendem zusammengestellt und als Kopiervorlage gedacht, vorübergehend als Provisorium und Überbrückungshilfe gute Dienste leisten mag bzw. geleistet hat.

Es scheint aber nunmehr der Zeitpunkt gekommen zu sein, dieses Provisorium durch profunderes und tragfähiges Unterrichtsmaterial abzulösen. - Allerdings: Vorbedingung dazu wäre solide Grundlagenarbeit und längerfristige Konzeptarbeit, wie Prof. Dr. Robert Saxer (als Vertreter des Zentrums für Schulentwicklung und Schulversuche des BMUK in Klagenfurt anwesend) einleitend betonte.

Nur: Grundlagenarbeit kostet Zeit und Geld.

Beides jedoch ist kaum gegeben. Zeit - weil entsprechende Bücher eigentlich schon gestern und nicht erst übermorgen in den Schulen gebraucht werden. Geld - weil Verlage den Gesetzen der Marktwirtschaft unterworfen sind und zusätzliche Grundlagenarbeit die Gestehungskosten enorm erhöhen würde, was sich wiederum bei einem kleinen Markt wie Österreich nicht rechnen würde oder aber die Preise unzumutbar hoch werden ließe.

Somit scheint ein Teufelskreis geschlossen: Keine Konzeptarbeit, weil keine Finanzierung möglich ist. Keine guten Bücher, weil die notwendige Vorarbeit nicht geleistet werden kann. Kein nennenswerter Absatz, weil keine guten Bücher angeboten werden oder aber nicht bestellt werden, weil die LehrerInnen so sehr ans Kopieren gewöhnt sind. Ohne Absatzgarantien keine Gewinne, mit denen Konzeptarbeit finanziert werden könnte, ...

In diesem Zusammenhang weisen VerlegerInnen nachdrücklich auf eine übliche, für die Arbeit der Verlage allerdings fatale Praxis hin: Das illegale Kopieren, das besonders durch die diversen Materialienmappen noch zusätzlich gefördert wird. Dieses wilde Kopieren würde die Marktchancen von Büchern systematisch reduzieren. Die Qualität der Materialien würde dadurch nicht besser, aber die Produktionsgrundlagen für Bücher mit guter Qualität würde dadurch stark beeinträchtigt, wenn nicht sogar zerstört. In diesem Punkt hätten die Materialienmappen - so notwendig sie gewesen sein mögen - eindeutig kontraproduktiv gewirkt, ganz abgesehen von der juristischen Fragwürdigkeit. Ein weiterer Teufelskreis scheint geschlossen. In Ermangelung geeigneter Bücher wird kopiert (wobei solche Notprogramme eben auch von offizieller Seite angeboten werden). Solange soviel kopiert wird, fehlt der Markt für die Produktion von guten Büchern - es wird also wenig bzw. halbherzig produziert. Solange aber nichts wirklich Geeignetes auf dem Markt ist, solange wird weiter kopiert ...

Gibt es nun eine Möglichkeit, diesen doppelten Teufelskreis zu durchbrechen? Wohl nur die einer gemeinsamen Anstrengung von Seiten der Verlage, des BMUK und der Expert/innen (=Autor/innen) mit dem Ziel, ein (prototypisches) Lehrwerk vorzulegen.

Konkret hieße das: Kooperationsverträge abzuschließen, in denen die Zuständigkeits- und Aufgabenbereiche aller Beteiligten genau festgelegt sind und die annehmbare Arbeitsbedingungen und Produktionsbedingungen garantieren - was sich u.U. auch darin äußern könnte, daß bestehende Schulbuch-Honorar-Vorschriften adaptiert werden.

Derzeit wird, wie Prof. Saxer konstatierte, viel zu häufig unkoordiniert bzw. auch gegeneinander gearbeitet. Kooperationsverträge würden auch hier möglicherweise Abhilfe schaffen können...

Für welche Zielgruppe wäre vordringlich ein Lehrwerk zu erarbeiten? Hier sind zuallererst die Berufsschulen, in der Folge dann die Polytechnischen Lehrgänge, die BHS, BMS und die AHS zu nennen, die ganz besonders unter der Lehrwerkmisere leiden. Das, was für den Pflichtschulbereich bereits existiert, nämlich approbierte Lehrbücher, welcher Qualität auch immer, fehlt hier gänzlich."

Man wird verstehen, daß sich eine solche Situation in vielen Ecken autonomer Entwicklung muß. Es wäre ja eine völlige Fehleinschätzung, daß sich die Schulbuchverlage nun nach allem Neuen gleichzeitig richten könnten und zudem die Approbationskommissionen bei der Diskussion immer auf neuestem Stand dieser oder jener Schwerpunktsetzung wären. Gerechterweise soll nicht verschwiegen bleiben, welche Möglichkeit bisher schon besteht, um an das Geld aus dem Familienlastenausgleichsfonds heranzukommen.

Der Unterrichtsversuch - mit Kanonen nach Spatzen jagen?

Wer für seinen Unterricht auf ein nicht approbiertes Lehrwerk zugreifen möchte, braucht nicht auf die Gelder aus der Schulbuchaktion zu verzichten, sondern kann unter dem Titel "Unterrichtsversuch" den Beschaffungsantrag auf die Reise schicken. Doch: Hier bergen etliche dienstliche Zwischenschritte die Gefahr, daß die Sache ins Stolpern kommt.

Ein zusätzlicher Argumentationsaufwand ist nötig, der nicht einmal aufgebracht werden muß, wenn eine Schule auf ein Lehrwerk ganz verzichtet, was ja eine viel einschneidendere Maßnahme ist.

Nun mag eingewendet werden, daß Argumentation ja erfrischend auf den pädagogischen Alltag wirkt. Frägt sich nur, zwischen wem sie stattfindet. Und hier sind wir eben bei dem Autonomie-Thema angelangt. Die Gründe für mehr Autonomie lagen in einer gewissen Kritik daran, daß Entscheidungsfreude auf der Schulebene zurückgegangen war. Dies sollte, in echt absolutistischer Tradition, also typisch österreichisch, von oben korrigiert werden.

Daß hierbei nicht auch gleich alle anderen tangierten Belange mitdiskutiert wurden, lag in dieser von oben nach unten-Orientierung des Vorgangs. Zurecht wurde dieser Entscheidungsraum im autonomen Schulhaus eingespart. Denn Angriffe auf die kostenlose Vergabe der Schulbücher hatte es immer wieder gegeben. Nun aber wird offensichtlich, daß die Beantragung des Unterrichtsversuchs ein unverhältnismäßiges Kaliber hat, wenn es nur um kleine Korrekturen in der Bestellentscheidung geht.

Was aber, wenn auch ein nicht approbiertes Lehrwerk gar nicht in Frage kommt? Wenn nur Teile aus diesem oder jenem Buch attraktiv erscheinen? Dann besteht wiederum die berechtigte Angst der Autoren, daß durch illegale Kopieraktionen "gratis" für die Schüler "umsonst" für Autoren wird.

Ent-schädigen: Eine Pflicht des Gesetzgebers

Einer völligen Abwendung von der Gratis-Schulbuchaktion soll hier keinesfalls das Wort geredet werden. Ebensowenig, wie Approbationskommissionen pauschal als Spesenritter-Schwadrone zu diffamieren sind. Viel an inhaltlicher Diskussion ist erst durch einen erweiterten Schulbuch-Markt möglich geworden, der finanziell gut abgesichert sein muß - gerade in einem kleinen Land. Nun droht aber jenes Schicksal, das jede Spezies mit überdimensionierter Panzerung erfährt. Beweglichere Konkurrenten treten auf: Kopiervorlagen können es sein, die aufgrund der guten Reproduktionsqualität durchaus mit Buchdruck konkurrieren können. Sie haben aber den Vorteil, daß sie reichhaltiger, besser ausdifferenziert sein können als Regel-Schulbücher. Warum soll es nicht möglich sein, die Beschaffung der Vorlagen und die Kopierkosten ebenso schulautonom abzurechnen und aus dem Familienlastenausgleichsfonds die Gelder zu beziehen, die sonst an die Buch-Verlage fließen?

Eine ähnliche Frage wird sich bei jener teuren Materialbasis für Arbeitsphasen offenen Lernens stellen, an der sich Schulbudgets bisweilen verbluten. Wenn Lernen mehr und mehr Begreifen wird anstatt Speichern von Buchwissen, dann kippt die überkommene Trennung in "Schulbuch - Ganzschrift - und der Rest" ins Absurde. Eine Schule, die immer weniger Nutzen aus dem Schulbuch-Angebot zu ziehen vermag, weil sie sich autonom entwickelt hat, wird dann mit weniger und weniger Verständnis der gesetzlichen Trennung gegenüberstehen: Hie die Finanzierungswünsche, die dem Schulerhalter vorgetragen werden müssen; und dort die Reichtümer der Schulbuch-Aktion, welche argumentationslos abzurufen sind. (Dazwischen lägen immer höhere Kopierkosten-Beiträge, die von den Familien zu tragen wären, oder sogar "freiwillige" Bestellungen nichtapprobierter Materialien: Beides so teuer wie illegal, vom Unsozialen ganz abgesehen.)

Es wäre kaum wünschenswert, wenn das Wortfeld der Überproduktion (heute mit "Butterberg", "Weinsee" u. dgl. schon reich besetzt) auch einen Eintrag "Schulbuchschwemme" erhielte. Hier bedarf es einer frühzeitigen politischen Steuerung mit folgenden Zielen:

- Neben dem Schulbuch sollen Kopiervorlagen, Bücherladen etc. in den Familienlastenausgleichsfonds aufgenommen werden.

- Die Funktion der Approbationskommissionen ist verstärkt in Richtung einer allgemeinen, selbst erworbenen Kritikfähigkeit mit vermehrten Rezensionsmöglichkeiten umzuleiten.

- Die Verwaltung der Finanzen der Schulbuchaktion soll auf die Schulebene verlegt werden.

Literatur:

BGBL 1991: Bundesgesetzblatt vom 1.9.1991, JG 1991, 9 a. Stück, 525, Nr. 126 (=Unterrichtsprinzip "Interkulturelles Lernen" für Pflichtschulen, seit 1993 auch für AHS)

BGBL 1992: Bundesgesetzblatt vom 27.8.1992, JG 1992, 180.Stück, 528, S. 2143- 2153 und S. 2160-2179 (Lehrplanzusatz "Deutsch für Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache").

Einblicke. Sonderheft des Österreichischen Lehrerverbands Deutsch als Fremdsprache (ÖDaF) zur X.Internationalen Deutschlehrertagung, August 1993. (Darin Gerd Lau: Die Öffnung der österreichischen Schulen für DaZ; Lehrpläne PA/PI; Literatur; etc., S.26-39) ÖDaF, Ludo Hartmann Platz 7, 1160 Wien.

Kernegger, Grete; Lau, Gerd; Schabus-Kant, Elisabeth: Lehrmaterialien und Organisationsmodelle für Deutsch als Zweitsprache. In: ÖDAF-MITTEILUNGEN 1 (1993), Seite 40 - Seite 46.

Komm, mach mit! (Herkunftssprachen: Albanisch, Arabisch, Bulgarisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Serbokroatisch, Slowenisch, Spanisch, Tschechisch, Türkisch, Ungarisch). Zentrum für Schulversuche, Klagenfurt 1992-1993.

Schwerpunktnummer "Von der Ausländerpädagogik zum interkulturellen Lernen" (Koordiniert von Pinterits, Manfred; Gauß, Rainer; Lau, Gerd), ERZIEHUNG UND UNTERRICHT 4 (1991), Österreichischer Bundesverlag, Wien 1991, S. 230-306. (Darin: Lau, Gerd: Schulrecht für Migrantenkinder.)

Zum Autor: Gerd Lau studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationsforschung in Graz, Innsbruck und Bonn. Seit 1977 Unterricht am Gymnasium und an Hauptschulen. Gleichzeitig Aufbau der Zusatzausbildung "Ausländerpädagogik/Interkulturelles Lernen" an Pädagogischen Akademien sowie Leitung zahlreicher Fortbildungsseminare. Seit 1989 Führung eines umfangreicheren Tatsachenforschungsprojektes am Pädagogischen Institut des Bundes, Erzabt Klotz Straße 11, A-5020 Salzburg.