Rainer GAUSS, Gerd LAU
Z u s a m m e n f a s s e n d e T h e s e n
In: Interkulturelle Bildung. Lernen kennt keine Grenzen. (Gauß, Harasek, Lau Hg.) Wien: Jugend und Volk Verlag, 1994.
1. Problemverschiebungs-These
In Österreich sind viele politische Maßnahmen nötig, um eine angemessene Gleichstellung der Ausländer mit den Inländern zu erreichen. Die Schule als Ort interkulturellen Lernens kann diesbezügliche politische Maßnahmen zur Verwirklichung der Menschenrechte in Österreich nicht ersetzen.
Die Anpassung österreichischer Gesetze für die Mitbürger aus dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) zeigt, wie rasch und ernsthaft dies vollziehbar ist. Es muß vermieden werden, daß nun durch gesetzliche Maßnahmen zwei verschiedene Klassen von Ausländern geschaffen werden.
2. Integrations-These
Der gemeinsame Unterricht für in- und ausländische Kinder soll leitendes Prinzip bleiben/werden. Dieser gemeinsame Unterricht darf zu keiner Benachteiligung einzelner SchülerInnen führen. Für diesen gemeinsamen Unterricht besonders geeignete Unterrichtsformen sind verstärkt zu entwickeln.
Die Realisierung von Unterrichtskonzepten in internationalen Schulen beweist, daß Multikulturalität und Mehrsprachigkeit erfolgreich sein kann/ist. Fallweise sind neben diesem Integrationskonzept segregierende Maßnahmen notwendig, die aber maßvoll eingesetzt werden sollen. Keinesfall dürfen sie über das unbedingt erforderliche Maß hinaus fortgesetzt werden.
3. Sprachunterwerfungs-These
Überlegenheitsgefühle gegenüber Menschen, Menschengruppen und deren Kulturen sowie Sprachen führen häufig zur Forderung nach einseitiger Unterwerfung bzw. Anpassung der Immigranten aus Südost-Europa und zum Verlust der Mehrsprachigkeit.
Die bisherigen Erfahrungen mit dem Muttersprachlichen Unterricht sind noch unbefriedigend, da die bildungspolitische Dominanz des herkömmlichen Curriculums die Entwicklung blockiert. Die Integration der Herkunftssprachen von Migrantenkindern in den Unterricht muß also vorangetrieben werden.
4. Ganztagesschul-These
Die Begegnung zwischen in- und ausländischen Kindern wird weithin überschätzt. Allzuoft kehren Migrantenkinder unmittelbar nach dem Unterricht in eine Ghettosituation zurück, die sogar im medialen Bereich fortdauert: Musik-, Video-, Zeitschriftenkonsum aus den Herkunftsländern.
Ganztägige Schulformen können bessere Lernbedingungen für Migrantenkinder und bessere Verstehensvoraussetzungen für die einheimischen SchülerInnen bieten.
5. Ausbildungs-These
Die österreichische Schule ist, war und wird multikulturell zusammengesetzt sein. Also hat auch die Pädagogische Akademie neue Inhalte und Einstellungen zu vermitteln.
Für Pädagogische Akademien gilt eine futuristische Sicht in besonderem Maße. Dabei müssen Paradoxa bewältigt werden: Professorinnen und Professoren der Pädagogischen Akademien mit (vergleichsweise) wenig praktischen interkulturellen Erfahrungen unterrichten Studentinnen und Studenten mit steigenden interkulturellen Erfahrungen für ihren späteren Unterricht mit äußerst vielen interkulturellen Aufgaben.