Prof. Mag. Gerd LAU Deutsch als Zweitsprache: Innovative Methoden. Pädagogische Tatsachenforschung an der Pädagogischen Akademie, Akademiestraße 23, und am Pädagogischen Institut, Erzabt Klotz Straße 11, A-5020 Salzburg Mobil 0663-065636.
Statement zur Enquete am 27.10.1994, Pädagogisches Institut der Stadt Wien
Die Veränderungen der letzten Jahre sind markant
Für jene Menschen, die nach der deutschen Wiedervereinigung Berlin-West neu kennenlernten, war es ein grundsätzlich verändertes Bild. Schließlich wäre, wie man es einmal von Wien bezüglich der Tschechen sagen konnte, Berlin "die drittgrößte türkische Stadt".
Ein anderes Bild bietet Frankfurt mit einer Immigrantenpopulation von 40%, welche durch eine gezielte Siedlungspolitik auf die ganze Stadt verteilt ist.
Und wer frägt, wo die Jugendkultur ihre Maßstäbe neu errichtet, erhält zur Antwort, daß die größte und modernste Diskothek der Bundesrepublik jene ist, die von türkischen Immigranten geführt und vor allem von türkischen Jugendlichen besucht wird.
Wie aber ist es in Österreich? Wir können von großem Glück reden, daß gewalttätige Ausländerfeindlichkeit noch nicht jene Opfer gefordert hat wie anderswo. Daß die Immigration im Guten verkraftet wäre, kann man deswegen jedoch nicht sagen.
Was uns die Geschichte sagen kann
Blicken wir in die Geschichte unseres Landes zurück: Im Jahre1867 erfolgte die als "Ausgleich" bezeichnete Neukonstitution der Habsburgermonarchie - ohne die Tschechen. Die k.u.k.-Monarchie fand ihr baldiges Ende 1918, als das Vielvölkerreich endgültig zerfiel. Die deutschnationale Identität der Zwischenkriegszeit hielt sich in Österreich so stark, daß nach dem "Anschluß"1938 die gemeinsame Schuld begann und seit 1945 die Aufarbeitung noch immer kein Ende gefunden hat. Und 1994/95 erleben wir die "Aufnahme" Österreichs in die Europäische Union und müssen befürchten, daß damit vor allem auch der Schulterschluß mit anderen reichen Staaten in der Selbstlüge gefestigt wird, wir wären kein Einwanderungsland.
Wo die Bildungspolitik handeln muß
Die Ergebnisse der Arbeitskreise sind ausführlich referiert worden und brauchen hier nicht ein weiteres Mal aufgezählt zu werden. Es wird um eine Professionalisierung in der Spracherziehung gehen, um gesetzliche Anpassungen, die in der "Immigrationspädagogik" schon lange diskutiert sind, und um eine Stundengewährung, wie sie in der Pflichtschule schon lange selbstverständlich ist.
Was Internationalität von uns fordert
Österreich hat sich an den Untersuchungen zur Immigration im Rahmen internationaler Organisationen kaum beteiligt, wie man an der CERI-Reihe sieht, die Beginn der Achtziger -Jahre in Paris ediert wurde. Auch eine nationale Forschungsaktivität, wie sie im Schwerpunkt FABER (Folgen der Arbeitsmigration für Bildung und Erziehung) der Deutschen Forschungsgemeinschaft erfolgte, steht noch aus. Das wird nicht so bleiben können, da im EU-Rahmen Vergleichsuntersuchungen erfolgen, wieweit die nationalen Bildungswesen sich auf die Immigration einstellen gemäß den EU-Richtlinien. Darüber hinaus bietet das UN-Jahr der Toleranz 1995 ein weites Betätigungsfeld.
Welche Kräfte zu aktivieren sind
Der (leider abwesende) Unterrichtsminister Dr. Scholten hat einmal formuliert, die Politik habe nicht die Aufgabe, das Populäre als das Notwendige aufzufassen, sondern das Notwendige populär zu machen. In diesem Sinne bietet unser Arbeitsfeld - die Bildung für alle - eine große Herausforderung.
Für die Einladung an mich als Salzburger darf ich mich bedanken und ich hoffe sehr, daß Westösterreich an den Fortschritten in Wien gewinnen kann.
Literaturhinweise:
Interkulturelle Bildung - Lernen kennt keine Grenzen, (Gauß, Rainer/Harasek, Anneliese/Lau, Gerd, eds.) Band 1: Eine Einführung. Reihe "Schule und Erziehung", Redaktion Ludwig Boyer Jugend & Volk, Wien 1994. ISBN 3-7100-0069-6.
Entwicklungen in den Rechten der Kinder im Hinblick auf das UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes, (Rauch-Kallat, Maria/ Pichler, Johannes P. eds.) Schriften zur Rechtspolitik Band 8, Böhlau, Wien 1994. ISBN 3-205-98254-1.
Lau, Gerd: Die helfende Aufsatzkorrektur in Deutsch als Zweitsprache, in: AHS-aktuell, Wien, November 1994.