RESOLUTION Verabschiedet von den TeilnehmerInnen der Abschlußveranstaltung der

Enquete SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache an höheren Schulen am 27.Oktober 1994 am Pädagogischen Institut der Stadt Wien

In den europäischen Ländern hat sich in den letzten Jahren eine multikulturelle Gesellschaft entwickelt. - Dies hat für die Schule Konsequenzen.

SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache sind seit langem in den Pflichtschulen eine Selbstverständlichkeit. Nun steigt auch ihr Anteil in den allgemeinbildenden und berufsbildenden höheren Schulen - ein Indiz dafür, daß sich die Bildungschancen für SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache verbessert haben. Die Pflichtschule hat auf die neuen Gegebenheiten mit einem Bündel von pädagogischen Ansätzen und Maßnahmen reagiert. Die höheren Schulen müssen sich nun auch dieser Herausforderung stellen.

Damit diese Situation aber zum Nutzen für alle gereicht und nicht als Defizit oder gar Belastung erlebt wird, bedarf es grundlegender pädagogischer, methodisch-didaktischer und schulorganisatorischer Anstrengungen und eines klaren bildungspolitischen Bekenntnisses zur multilingualen Schule in einer multilingualen Gesellschaft. Ein derartiges Bekenntnis setzt ein Signal, das gerade in der derzeitigen politischen Situation unumgänglich notwendig ist, um antidemokratischen und fremdenfeindlichen Tendenzen wirksam begegnen zu können.

Zu diesem Ergebnis kamen die 160 TeilnehmerInnen der Enquete "SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache an höheren Schulen", veranstaltet von der gleichnamigen Initiativgruppe gemeinsam mit dem Pädagogischen Institut der Stadt Wien am 27. Oktober 1994. Es wurde zusammen mit ExpertInnen über geeignete kurz- und langfristige Maßnahmen nachgedacht. Der Diskussionsprozeß gipfelte in einem Forderungskatalog, gerichtet an alle schul- bzw. bildungspolitisch verantwortlichen Personen, Institutionen und politischen EntscheidungsträgerInnen:

Forderungskatalog

1. Schulentwicklung

- Auswertung von Schulversuchen, Forschungsergebnissen und Erfahrungswerten aus anderen Ländern.

- Überarbeitung aller Lehrpläne im Sinne eines multilingualen pädagogischen Ansatzes.

- Erweiterung des Sprachenkanons (Erstellung weiterer Lehrpläne).

- Entwicklung einer Didaktik des differenzierten Unterrichts.

2. Professionalisierung des Berufsfeldes

Lehrerausbildung:

- Interkulturelle Bildung als obligatorischer Bestandteil der Lehrerausbildung für alle Fächer.

- Deutsch als Zweitsprache als obligatorischer Bestandteil des Germanistikstudiums.

Schultypenübergreifende Lehrerfortbildung:

- Lehrgang "Interkulturelles Lernen und Deutsch als Zweitsprache" als Grundausbildung mit Qualifikationscharakter.

- Koordiniertes weiterführendes Angebot.

Nutzung vorhandener Personalressourcen:

- Auslandserfahrung von LehrerInnen als ein Qualifikationskriterium.

- Förderung der Einstellung von mehrsprachigen Lehrkräften.

3. Verankerung der Mehrsprachigkeit

Zusätzliche Werteinheiten für Fördermaßnahmen:

- Erweiterung des Angebots an muttersprachlichem Unterricht (Lehrpläne).

- Teamteaching zur Unterstützung des Fachunterrichts in der Muttersprache.

- Deutschkurse für SeiteneinsteigerInnen.

- BegleitlehrerInnen.

Beurteilung:

- Wahlmöglichkeit von Deutsch als Fremdsprache, die Matura inkludierend.

- Zweisprachige Wörterbücher als erlaubte Hilfsmittel in allen Prüfungssituationen.

Lehrmittel:

Neu-Entwicklung von Materialien, Anpassung der Approbationskriterien an die Bedürfnisse einer multilingualen Schule.

- Kritische Sichtung vorhandenen Unterrichtsmaterials und kommentierte Empfehlungen für die Lehrkräfte (Anschaffungslisten).

- Finanzierung der erforderlichen Lehrmittel für Interkulturelles Lernen und DaZ.

- Aufnahme von muttersprachlicher Lektüre in die Schulbibliotheken.

Für die redaktionelle Bearbeitung:

Initiativgruppe "SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache an höheren Schulen"