Gerd Lau: Die Öffnung Österreichs Schulen für Deutsch als Zweitsprache. In: EINBLICKE. Sonderheft der MITTEILUNGEN DES ÖDAF zur X. Internationalen Deutschlehrertagung, Leipzig 1993.

(Fußnote: (Gerd Lau gestaltete gemeinsam mit Rainer Gauß ein Projekt der Pädagogischen Tatsachenforschung "Interkulturelles Lernen: Langfristige Perspektiven" an der Pädagogischen Akademie und am Pädagogischen Institut des Bundes in Salzburg, finanziert durch das Bundesministerium für Unterricht und Kunst.))

Es war einmal...

Es einmal ein Film zu sehen, in welchem Ausländerkinder beim Deutschlernen in Kojen eines modernen Sprachlabors gezeigt wurden. Die Betrachter durften den Eindruck gewinnen, daß in Österreichs Schulwesen bereits Anfang der Achtziger-Jahre beste Vorsorge für Immigranten getroffen war. Allein: Die Kinder besuchten diese Lernstätte nur ein einziges Mal in ihrem Leben.

Im selben Film sah man eine Direktorin, die jugoslawische Eltern beriet. Dabei fiel die Schweigsamkeit des Vaters auf. Allein: Es stand nicht der Vater des Kindes an der Mutter Seite, sondern ein Schulwart. Die Betrachter des Filmes lernten fälschlich-interkulturell, daß eine jugoslawische Mutter das Sagen habe und daß GastarbeiterInnen Zeit hätten, tagsüber gemeinsam von der Arbeit fernzubleiben, um pädagogische Gespräche zu führen. Solche Irrtümer zu verbreiten, wäre heute in Österreich nicht mehr möglich, denn der Unterricht mit ausländischen Kindern wird öffentlich diskutiert, Lehrpläne werden erlassen, jährlich erscheinen mehr Lehrmittel, und großzügige Stundenkontingente für den zusätzlichen Deutschunterricht werden gewährt. Wie dieser Fortschritt im Detail aussieht - zehn Jahre nach der filmisch-medialen Täuschung der Öffentlichkeit - soll nun skizziert werden.

Die Schüler-Zahlen

1990 wurde durch eine Neufassung des Ausländerbeschäftigungsgesetzes eine zumindest mittelfristige Regelung getroffen, welchen Ausländeranteil Österreich halten will: maximal 10% der über 3 Mill. unselbständig Beschäftigten, also über 300 000, dürfen Arbeitsmigranten sein. Alleine in den Jahren 1989 bis 1991 stieg die Prozentzahl ausländischer Beschäftigter von 5% auf 8,6%, in absoluten Zahlen von 167.400 auf 256.700 (Jahresdurchschnitt). Und zwischen 1981 und 1991 erhöhte sich die Zahl der ausländischen Wohnbevölkerung Österreichs laut Volkszählung von 291.000 auf 517.000. Die Öffnung im Osten verstärkte die Zuwanderung vor allem qualifizierter Arbeitskräfte. Besonders spürbar wird der Familiennachzug aus den ehemaligen jugoslawischen Republiken aufgrund der Kriege und Krisen. Voraussichtlich die Hälfte der Flüchtlinge wird in Österreich bleiben.

Bereits seit den 70er Jahren war die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache an Österreichs Pflichtschulen stetig gestiegen. Derzeit sind es über 70.000, natürlich ungleich verteilt, denn die "öffentlichen Pflichtschulen (!) Wiens werden im Schuljahr 1991/92 von 77.923 SchülernInnen besucht, die privaten (meist katholischen) von 16.234 (!). Der Ausländeranteil an öffentlichen Wiener Pflichtschulen beträgt 3O,4 %, jener der Privatschulen liegt bei 7,6 %." (Gauß, 1992)

Immerhin besuchten im Frühjahr 1992 4260 SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache die AHS-Unterstufe (also Gymnasien) und 3056 die erste Klasse einer weiterführenden Schule. Dies ergibt eine zusätzliche Zahl von 7316 Schülern(innen) im Pflichtschulalter (Karigl, S. 10).

Die schulrechtlichen Entschlüsse

Daß die Aussagen über die Schüler relativ ungenau bleiben müssen, ist auf die veröffentlichten Daten zurückzuführen. Unter "Standort und Konzeptvorstellungen nach 15 Jahren Schulversuch" waren die Vorhaben der Unterrichtsverwaltung im Herbst 1990 formuliert worden: Gesamterhebung - (aber ohne Leistungsstand!); Stellenplan; Qualifikation der LehrerInnen; Materialien (Satzke, in: "Von der Ausländerpädagogik ...", S.256). Ein wesentliches Ergebnis dieser Maßnahmen wurde die (für Österreich erstmalige) Formulierung der Lehraufgabe und Lehrinhalte (BGBL 1992) samt einer Stunden-Regelung (wobei aber letztere nicht gesetzlich festgeschrieben ist und daher leicht verändert werden kann). Die Präambel für den Lehrplan ist für Grundschule und Hauptschule gleichlautend:

Zitat: Der Lehrplan-Zusatz "Deutsch für Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache" ist in Verbindung mit dem Lehrplan "Deutsch" als Grundlage für das Lehren und Lernen von Deutsch als Zweitsprache im Rahmen des interkulturellen Lernens auf der Zielebene ("Bildungs- und Lehraufgabe"), auf der Stoffebene und auf der methodisch-medialen Ebene ("Didaktische Grundsätze") zu verstehen.

Eine detaillierte Berücksichtigung der zum Teil sehr unterschiedlichen Vorkenntnisse der Schüler in der Zweitsprache Deutsch kann nicht im Lehrplan, sondern nur auf der Ebene der klassenbezogenen Jahresplanung unter Berücksichtigung des jeweiligen lernorganisatorischen Modells, das an der Schule verwirklicht wird, erfolgen.

Ein besonderes Qualifikationserfordernis für LehrerInnen wurde nicht eingerichtet. Somit bleibt es für die Pädagogischen Akademien (Studentenausbildung) und Pädagogischen Institute (LehrerInnenfortbildung) weitgehend offen, wie auf die "integrative, additive oder unterrichtsparallele" Förderung in Deutsch als Zweitsprache vorbereitet wird.

Wege zur Qualifikation für den Unterricht in DaZ

Die meisten Ausländerkinder finden sich in den Pflichtschulen, wobei dies in der Altersgruppe der 10-15 Jährigen bedeutet, in den Hauptschulen und Sonderschulen. In den Gymnasien (mit wortidenten Lehrplänen, aber erhöhten Leistungsanforderungen) finden sich Ausländerkinder in nur geringerem Maße, aber mit steigender Tendenz. Für die Lehrerbildung wurden (freiwillig zu besuchende) Zusatzausbildungen "Interkulturelles Lernen - Ausländerpädagogik" und "Deutsch als Fremdsprache" im Ausmaß von je zwölf Semesterwochenstunden eingerichtet. Gemessen an den Bedürfnissen erreicht dieses Angebot nur wenige Studenten und steht in Konkurrenz mit Informatik, Sprachheilkunde etc.

Umso mehr wird darum geworben, daß im Hauptstudium mehr Themen des interkulturellen Lernens erscheinen: In Soziologie, Psychologie und natürlich in Deutsch. Dabei bot z.B. das Landesinstitut für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen in Soest großzügige Materialübernahme an und stellte Referenten für das Training der Lehrerausbildner und Lehrerfortbildner. Hierauf folgt nun die Publikation zweier Studientexte "Interkulturelle Bildung - Lernen kennt keine Grenzen.", in welchen sowohl auf österreichische Details (z.B. die Lage der eigenen kroatischen, slowenischen und ungarischen Volksgruppen) eingegangen wird wie auf Sprachdidaktik und auf Praxisbeispiele für interkulturelles Lernen.

LehrerInnen für höhere Schulen vermissen Studienmöglichkeiten an Universitäten, um sich auf DaZ-Aufgaben vorzubereiten. Aber diese Lücke dürfte bald zu schließen sein, nachdem in Wien und Graz Ordinariate besetzt werden. Und zudem: Immigrantenkindern ist nicht nur durch spezialisierten Sprachunterricht zu helfen, sondern durch eine allgemeine Öffnung der Unterrichtsformen.

Eine solche Öffnung kann auch in der Lehrer-Fortbildung vorgelebt werden: Hierzu dienen "Ausländerzentren", "Lernwerkstätten", "didaktische Werkstätten", "Selbstlernzentren" etc., wo Selbsterfahrung im offenen Lernen gesammelt wird. Für diesen Weg rüsten sich immer mehr Pädagogische Institute. Ein Detail am Rande: In diesen Zentren finden sich gegenwärtig immer mehr Studenten der Germanistik, Psychologie, Pädagogik etc. ein, um Beratung für Diplomarbeiten zu erhalten. Das Ausländer-Thema wurde von der österreichischen universitären Wissenschaft nämlich weitgehend erst kürzlich gefunden. Es wäre allerdings nicht verboten gewesen, diesen Fund auch schon vor Jahren zu machen.

Exkurs über uns Österreicher an sich - oder vielmehr: für sich

Die Diskussion der Folgen andauernder Immigration erfolgte in Österreich später und heftiger als in Deutschland und in der Schweiz. Ein Volksbegehren zu (Anti- )Immigrationsthemen enthielt Forderungen zu Limitierungen und Segregierungen im Schulwesen und führte zur Abspaltung eines "Liberalen Forums" von der "Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ)". Da eine Plattform "SOS-Mitmensch" die größten Demonstrationen der Nachkriegsgeschichte überhaupt zustandebrachte (und zwar gegen Ausländerfeindlichkeit), scheint ein günstiges Klima auch für bildungspolitischen Fortschritt zu bestehen.

In der politischen Öffentlichkeit vertritt die FPÖ eine weit rechts stehende Diktion, jene FPÖ, von der man noch in Erinnerung hat, daß sie dereinst mit der SPÖ Regierungsverantwortung getragen und Führer des Wirtschaftslebens beheimatete. Nun folgte die Trennung der FPÖ von der Liberalen Internationalen. Diese Fünfteilung der Parteienlandschaft wird für die Schulpolitik Änderungen bedeuten, sind doch Schulgesetze hierzulande an eine Zweidrittelmehrheit im Parlament gebunden. Und ein schulpolitisches Streitthema ist die Einrichtung von speziellen Auffangklassen für ausländische Kinder. Gegenwärtig sind solche Klassen nur als Schulversuch möglich und zeigen, was den Deutsch-Erwerb betrifft, schlechtere Ergebnisse als der Unterricht in gemischten Klassen.

Das Interkulturelle spaltet Nationen quer durch die Parteien, wie wir es bei beiden moslemisch kopftuchtragenden Mädchen eines Pariser Vororts sahen. Erst zwei Jahre, nachdem sie aus dem Unterricht ausgeschlossen worden waren, wurde das Gerichtsurteil zu ihren Gunsten rechtskräftig. Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer kann auch österreichische Eltern irritieren. Die Angst vor der Leistungsminderung geht um.

Bis jetzt setzt sich im Schulwesen aber noch keine scharfmachende Segregationspropaganda durch. Sie hätte dieselbe Quelle wie die Ausländer- Gesetze, deren Schärfe seit dem 1.7.1993 voll sichtbar wird und die von Teilen der beiden großen Regierungsparteien nicht geschätzt wird. Zum fast selben Zeitpunkt aber verhielten sich die Sozialpartner (d.i. ein mächtiges, von der Wirtschaft und von der Gewerkschaft dominiertes Gremium für gesellschaftspolitische Entscheidungen) großzügig im Pflichtschulbereich und gewährten z.B. 0,86 Zusatzstunden im Pflichtschulbereich für jeden außerordentlichen fremdsprachigen Schüler. Manche Volks- und Hauptschulen erhielten dadurch mehrere zusätzliche Dienstposten, die ausschließlich für den Deutsch-Förderunterricht ausgeschrieben sind. Aus den "illegitimen" Kindern unseres "Nicht-Einwanderungslandes" Österreich sind jetzt wenigstens Schüler geworden, die Deutsch lernen sollen. Und die Relation, daß auf zehn Volksschüler ein Dienstposten kommt, zeigt eine OECD-weit günstige Lage.

Zum selben Zeitpunkt erscheinen aber noch Beobachtungen, die kritischer klingen als Lagebeschreibungen der Schweiz oder Deutschlands. Vladimir Wakounig (Univ. Klagenfurt) faßt Ende 1992 die Situation mit folgenden Worten zusammen: "Für den überwiegenden Teil der ausländischen SchülerInnen reicht die schulische Karriereleiter in der österreichischen Schule nur bis zum Pflichtschulbereich." Und, was ja dann noch schwerer wiegt: "Etwa 50% aller ausländischen Kinder schaffen in Österreich nicht den normalen Pflichtschulabschluß, ..." (Themenheft "Deutsch als Zweitsprache", S.33)

Was kann nun weiter getan werden, um die positiven Seiten des österreichischen Schulwesens auch für die Einwandererkinder noch wirksamer werden zu lassen?

Die Information der Unterrichtenden

LehrerInnen haben eine wichtige Rolle in der Meinungsbildung auch der Elternschaft gegenüber. Aktuelle pädagogische Informationen fließen in ein Zirkular "Interkulturelles Lernen" ein, das aber nur für Zentralstellen, für Pädagogische Akademien und Institute etc. versandt wird. Fallweise eröffnen die großen pädagogischen bzw. didaktischen Periodika Raum für Schwerpunkte: Die Ausgangslage für die Gesetzesänderungen 1991 bis 1992 war im Schwerpunktheft "Von der Ausländerpädagogik zum interkulturellen Lernen" in ERZIEHUNG UND UNTERRICHT 4 (1991) skizziert worden. Bald folgte ein Themenheft "Deutsch als Zweitsprache" der "Informationen zur Deutschdidaktik" (Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule), 4 (1992). Und auch im Bundesministerium für Unterricht und Kunst schien Schwung für eine wiederholte Beschäftigung mit der Immigrationsthematik zu bestehen, hatte doch folgende wichtige Quelle für die Praktiker die Nr. 1 erhalten: Reumüller, Alfred/Seitz, Peter (Hg.): INTERKULTURELLES LERNEN 1. Die Beschäftigung mit den nun möglichen Formen des Förderunterrichts in integrativer, unterrichtsparalleler oder additiver Form müßte jedenfalls weiter Diskussionsraum erhalten.

Aber Deutschlernen ist ja nur ein Teil des Schullebens. Es verbanden sich vielfältige gesellschaftliche Gruppen zu einer INITIATIVE MINDERHEITENJAHR, welches nun auch mit politischer Unterstützung rechnen darf und 1994 stattfinden wird. Nun darf von Wien aus eine "STIMME" ertönen, nun werden in Vorarlberg "KultUrsprünge" nachvollzogen, nun legen Innsbrucker Engagierte ein "TIROLER MOSAIK", das sind allesamt neue Zeitschriften, die auch für die Schulbücherei eine Bereicherung sind. Und "HEIMAT, FREMDE HEIMAT" ist eine wöchentliche Fernsehsendung, die als "multikulturelles Magazin" auch zum Deutschlernen im Unterricht gezeigt werden kann - entsprechende Vorbereitung vorausgesetzt.

Fraglos vor offenen Fragen?

Der gegenwärtige Entwicklungsstand in der unterrichtswissenschaftlichen Beschreibung von Mehrsprachigkeit in Schulen ist noch nicht ausreichend differenziert. Dies wirkt sich aus auf den Schulalltag, wo Entscheidungen zu treffen sind über den "besonderen Förderunterricht" Deutsch als Zweitsprache (Förderungsform, Förderungsausmaß, Lehrfächerverteilung, Dauer), über die Gewichtung des muttersprachlichen Unterrichts und seine Verbindung mit dem Regelunterricht, über die Information der (österreichischen wie ausländischen) Elternschaft bezüglich der Entscheidungen der Schulgemeinschaft. Eine Hypothese ist, daß erhebliche Unsicherheit besteht und daß getroffene Entscheidungen sehr unterschiedlich motiviert sind. Welche Forschungsinitiative wird hier die Diskussion eröffnen?

Auch im Bereich der Lehrmittelproduktion zeichnet sich ein Wandel ab, nachdem zwei pilotartige Editionen vom Bundesministerium im Unterricht und Kunst erschienen: ", MACH MIT" fordert das Zentrum für Schulversuche und Schulentwicklung in Klagenfurt auch in follgenden Herkunftssprachen auf: Albanisch, Arabisch, Bulgarisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Serbokroatisch (bzw. Serbisch/Kroatisch), Slowenisch, Spanisch, Tschechisch, Türkisch, Ungarisch. Es handelt sich dabei um Mappen von Arbeitsblättern, die teilweise auch zu Quartetten, Bildkarten etc. zerschnitten werden. Die Zielgruppe sind die Volksschüler. Wie wirkt sich eine solche kostenlose Materialgabe auf den Unterricht aus?

Und an alle 1950 Schulen mit fünfter Schulstufe wurden die sechs Bände einer anderen Reihe INTERKULTURELLES LERNEN versandt, deren Deutunterrichts- Themen lauten: Ich - du - wir; Märchen; Sprache; Familie. Bevor die für Schulstufe 6 geplante Reihe erscheinen konnte, mußten autorenrechtliche Details verhandelt werden. Nicht zu Unrecht hatten sich nämlich die privaten Verlage mit Forderungen gemeldet, daß die öffentliche Hand nicht allzu großzügig in die Seiten ihrer Schulbücher greifen sollte. Nun sind nach gerichtlichen Vergleichen, nach nachträglichen Abgeltungen die Wunden geheilt, und ein weiteres Mal können sechs Bände erscheinen. Auf die Themen "Schule, Tiere und Natur, Wohnen, Gefühle" darf man sich freuen.

Allerdings: Die Gesamtauflage sieht nur je ein Exemplar für jede Schule vor. Hier handelt es sich also um eine Publikation, deren Ort, ja wo wird ihr Ort sein? Neben dem Kopierer? Oder in der Schulbücherei? Oder in der Tasche eines einzigen Kollegen? Man sollte jedenfalls beobachten, welche Rolle solche Medien im Leben verschiedener Schulen spielen.

Da es in Österreich eine großzügige Vorkehrung für Gratisschulbücher gibt, haben die Verlage auch Interesse an kleineren Zielgruppen, wie es die Ausländerkinder sind. Diese Schulbücher durchlaufen Approbationskommissionen und können dann von den Lehrern bestellt werden, gehen aber ins Eigentum der Schüler über. Soeben erweitert sich jene Liste, die ein Jahrzehnt lang gleich geblieben war, um zahlreiche Alternativen. Es wurden ja neue Lehrpläne erlassen. Ob diese Bücher inhaltlich die Pädagogen-Wünsche treffen, wird sich erst zeigen. Langfristig wäre es nötig, Grundlagen-Entwicklung staatlich zu fördern, wie sich in den wenigen öffentlichen Diskussionen, die es gibt, zeigte. (Kernegger et al., 1993)

Für viele Schultypen aber existieren weder Lehrpläne noch approbierte Lehrmittel. Besonders spürbar wird der Entwicklungsmangel gegenwärtig in bestimmten Ausbildungsprofilen der Berufsschulen, z.B. Maler und Anstreicher.

Wieviel Entwicklungsarbeit noch zu leisten ist, zeigte Saxer in Begleitung der Tagung anläßlich der neuen Lehrpläne. Sein Skriptum (Saxer, 1992) enthält bewußt viele Leerseiten, in welche die Schulpraxis ihr Tagebuch schreiben sollte.

Ländergrenzen öffnen sich - vertikale Trennlinien zerfließen

Mit Begehrlichkeit blicken viele KollegInnen in die Klassenzimmer der Eliteschulen, wo Deutsch als Zweitsprache mit guter Ausstattung vermittelt wird. Es besteht natürlicherweise die Annahme, daß die internationalen bzw. ausländischen Schulen über Erfahrungen verfügen, die für das österreichische Regelschulwesen nutzbar sind. Nun ist vorhersehbar, daß sich durch ständig steigende Quantitäten der Migration die große Entfernung von den privilegierten internationalen Privatschulen zum Regelschulwesen verringern wird, was zu einer vermehrten pädagogischen Kooperation führt. In dieser Diskussion, die auch über Lehrmittel und Methoden dringend nötig ist, können Fachverbände wie der Österreichische Lehrerverband Deutsch als Fremdsprache eine positive Rolle spielen.

Die Realisierung von Unterrichtskonzepten in internationalen Schulen beweist, daß Multikulturalität und Mehrsprachigkeit erfolgreich sein kann/ist. Dabei spielt der Sprachkontakt eine große Rolle. Die Dauer der Begegnung zwischen in- und ausländischen Kindern wird weithin überschätzt. Allzuoft kehren Migrantenkinder unmittelbar nach dem Unterricht in eine Ghettosituation zurück, die sogar im medialen Bereich fortdauert: Musik-, Video-, Zeitschriftenkonsum aus den Herkunftsländern.

Ganztägige Schulformen können bessere Lernbedingungen für Migrantenkinder und bessere Verstehensvoraussetzungen für die einheimischen SchülerInnen bieten. Somit bleibt die Rolle der LehrerInnen für Deutsch als Zweitsprache - weiterhin - nicht auf die Fachdisziplin beschränkt, sondern ist in besonderem sozialpolitischen Konnex. Das macht vieles nicht leichter, aber so ist es eben, wenn sich in der Geschichte Blätter wenden: Es war einmal - es wird sein.

Literatur:

BGBL 1992: Bundesgesetzblatt vom 27.8.1992, JG 1992, 180.Stück, 528, S. 2143- 2153 und S. 2160-2179 (Lehrplanzusatz "Deutsch für Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache").

Gauß, Rainer: "Sie haben mich zu einem Ausländer gemacht, dann bin ich einer geworden". In: ERZIEHUNG HEUTE 2 (1992), S. 5-11.

Karigl, Günther: Schüler und Schülerinnen mit nicht-deutscher Muttersprache im AHS-, BMHS- und BS-Bereich. Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Wien 1992. (Abt. I/2, I/8a, II/7) S. 1-50.

Kernegger, Grete/Lau, Gerd/Schabus-Kant, Elisabeth: Lehrmaterialien und Organisationsmodelle für Deutsch als Zweitsprache, in: ÖDAF-MITTEILUNGEN 1(1993), S. 40 - S. 46

Reumüller, Alfred/Seitz, Peter (Hg.): Interkulturelles Lernen. - Der neue Lehrplan; Organisationsregelungen. Übertragung der Schulversuche ins Regelschulwesen ab dem Schuljahr 1992/93. INTERKULTURELLES LERNEN 1 Zentrum für Schulversuche, Klagenfurt 1992.

Saxer, Robert/Mlatschnig, Dietlinde/Reumüller, Alfred/Santner, Andrea/Simoner, Birgit: Deutsch als Zweitsprache und interkulturelles Lernen. BMUK, 1992 Zentrum für Schulversuche

Themenheft "Deutsch als Zweitsprache" der "Informationen zur Deutschdidaktik" (Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wis-senschaft und Schule), 4 (1992), ISSN 0721-9954, S. 2-144, VWGÖ, Lindengasse 37, A- 1070 Wien.

"Von der Ausländerpädagogik zum interkulturellen Lernen", Schwer-punktheft von ERZIEHUNG UND UNTERRICHT 4 (1991), koordiniert von Pinterits, M.; Gauß, R.; Lau, G.