Gerd LAU: Damals im Jahre 2000. (Ein versuchter Rückblick in Österreichs Zukunft als Einwanderungsland). In: DAS SCHULHEFT (1993). Themenheft "Fremdsprachenpolitik" (Anzengruber/de Cillia Hg.).

Die Milleniums-Feiern sind vorbei. Walzerschrittweise hatte sich der Zeitgeist vor zehn Jahren in Feierstimmung geschwungen: vorwärts - drehen (bzw. wenden) - seitwärts - Schluß - u.s.w. Ja, anstrendend war's. Nicht nur die schriftliche Beurkundung von "ostarrichi" (996), sondern auch das 2000ste Wiederkehren unseres Kalenderanfangs.

Also, was da nicht alles aufgewirbelt wurde, schwindelig wird einem:

- Werbung für die Weltausstellung Wien/Budapest - Volksabstimmung unter den Wienern - aber das goldene Wienerherz war nicht in der Stimmung;

- Einwanderungs-Werbung - 10% der Arbeitskräfte bereits Ausländer - Volksbegehren dagegen - aber nur wenige Völkische begehrten;

- EU-PHORIE der Regierung - Verhandlungen in Brüssel - Wendungen in Osteuropa - Katerstimmung über die Vertragsabschlüsse;

(Tanzmeister: "Und jetzt links!")

- Ostarrichi-Feiern in Klosterneuburg für alle Nicht-Wiener - Ostarrichi-Feiern in Wien (Folge verstärkten Euro- Regionalismus') - Mondial-AEIOU-Inszenierung durch Andre Heller -Verfassungsgerichtshofs-Urteil für immerwährende Neutralität;

- Vorbereitungen auf die Jahrtausendwende - Übernahme der islamischen Zeitrechnung für die gesamte zentral-eurasische Föderation - Sky-Crash zwischen den Tele-Satelliten "Kopernikus" und "grüner Halbmond".

Und in diese Fernsehlücke platzt nun die Medien-Sensation des jungen Jahres 2001: "Die Kultur aller Eigenschaften" kommt gleichzeitig als Romantext und als Serial heraus, beides computerübersetzt in 21 Sprachen; Linguisten entdecken, daß der Wortschatz nur 2761 Wörter umfaßt; der PEN-Club erhebt Klage bei UR (United Regions); aber das KultUrteil über die "Kultur aller Eigenschaften" läßt auf sich warten ...

Irgendwie hatte sich dieses Eigenschaften- und Kulturdilemma schon früh abgezeichnet, vor allem in Österreich. 1994 war das Minderheitenjahr, ursprünglich schon für 1993 geplant, wiederum verschoben worden (auf 1997!). Und die Debatte, ob Österreich ein Einwanderungsland sei, oder ein Ein- und Auswanderungsland, oder ein Durchwanderungsland, war ergebnislos verlaufen. War die Zeit wirklich noch nicht reif gewesen, um all das zu verstehen?

Dieses Zögern hatte dann schwerwiegende Folgen im Kreis der Migrations-Experten: Eine so mindere Angelegenheit wie das Minderheitenjahr wurde 1994 Anstoß für den Streik in den Bereichen Erziehung und Soziales. Dort war man es satt, daß die Projektfinanzierung immer nur für ein Jahr gesichert blieb. Was sich da nicht alles angesammelt hatte an dienlichen Worthülsen dafür, daß die Behörden vor der Wirklichkeit erstarrt waren: VEBBA (statt daß die AK selbst Ausländer beriet), ZEBRA (statt daß der Staat selbst einen Schutzweg für Flüchtlinge einrichtete), IKL (statt daß die Horte auch den Ausländerkindern Plätze geboten hätten), VIELE (statt daß die Schulen selbst eine ganzheitliche Bildung geboten hätten). Ja, hätten sie doch!!! WIF nicht zu vergessen, ja wären die Politiker doch vorher vif gewesen.

(Fußnote: VEBBA ... Verein zur Beratung und Betreuung von Ausländern; ZEBRA ... Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern; IKL ... Interkulturelle Lernbetreuung; VIELE ... Verein für einen interkulturellen Ansatz in Erziehung, Lernen und Entwicklung; WIF ... Wiener Integrationfonds.)

Die Bombe platzte, als dann zum drittenmal vom Parlament abgelehnt wurde, die Schul- und Heimbeihilfe auch Kindern aus Makedonien, Kroatien und aus der Türkei zu gewähren. (Für EWR-Bürgerkinder war ja schon 1992 die Änderung des Familienlastenausgleichsfondsgesetzes vollzogen worden.) Einige alte Hasen der Ausländerszene erinnerten sich an die Zeit, als es denselben Zirkus mit den Gratisschulbüchern gegeben hatte und mit der Schülerfreifahrt; und dann mit dem Beitrag, den Gemeinden ohne Hauptschule an den Nachbarort zahlen müssen, wenn Kinder dorthin in die Hauptschule sollten:

Erst eine Musterklage gegen einen Ort in Oberösterreich führte dazu, daß die jugendlichen Asylwerber von vierzehn Jahren nicht mehr nachmittags in den Volksschulklassen sitzen mußten. Immer dieselbe Leier: Am Vormittag hörten die Gemeinde-Kinder vom Geschichte-Lehrer, wie gemein in Rom die Optimaten zu den Plebejern waren, und am Abend brüllte er als Hauptredner im Gemeinderat: "Steuern bringen die Alylanten eh schon keine, und jetzt sollen wir auch noch den Nachbarort mit der Schulumlage für sie füttern? Zum Schluß wird ihnen dort noch ein Quartier angeboten! Dann sitzen wir wieder auf unseren unverkäuflichen Pleite-Appartments. Futsch ist dann die Bundesbetreuung für Immobilien-Flops. Das können wir uns nicht leisten! Die Hauptschulpflichtigen bleiben hier!" Usw. Die anderen Räte stimmten ihm zu, der VS- Direktorin wurde eine Sitzecke und eine Kochnische fürs Konferenzzimmer genehmigt, und in der Nachbargemeinde, wo die Hauptschule lag, tauchten anonyme Flugzettel auf:

"Wir nehmen uns die Freiheit: Wir wollen uns selbst begegnen, und nicht den anderen.

Und so geht es unseren Urlaubs-Gästen auch!

Wer das nicht einsieht, dem werden wir es zeigen!"

Ja, dann war dort Ruhe. Und das Volksschul-Haus blieb gut ausgelastet: Vormittags "unsere" Kinder; nachmittags "die anderen" (vor allem "die anderen über zehn Jahren").

Der Streik 1994 hatte natürlich einen völlig unklaren Rückhalt: Den meisten Österreichern war es gleichgültig, ob z.B. Flüchtlinge nun Deutsch lernten oder nicht, usf. Und die Klientel (Gastarbeiter und Flüchtlinge) konnten sich dem Streik nicht anschließen. So bröckelte die Streikfront bald ab. In Wirklichkeit aber war es nichts als eine Generationenablöse: Die 68er (sie hießen schon "Gruftis", wollten sich aber den wahren Kern dieser Diffamierung nicht eingestehen) suchten nach einem Anlaß, aus diesem konfliktträchtigen, kräfteraubenden Arbeitsfeld zu verschwinden. Sie hatten ja wirklich alle historische Schuld abgedient. Daß ihnen die Bruchlandung des realen Sozialismus einen Knick in die intellektuelle Höhenfahrt machte, konnten sie einfach nicht zugeben. Also führten sie einen äußeren Anlaß herbei, um sich auf ruhigere Positionen zurückzuziehen, die sie natürlich in petto hatten.

Blieben also die meist gut zwanzig Jahre Jüngeren übrig (zumeist LehrerInnen, SozialarbeiterInnen und bereits hier geborene AusländerInnen in der Jugendarbeit), die sich dann auch recht schnell auf einige Streikziele einigen und sie auch durchfechten konnten: Sie erkämpften eine mittelfristige Finanzierung der Migrations-Projekte ab 1996. Bei der Neubesetzung von Posten wurde auch darauf geachtet, daß Frauen und AusländerInnen Vorrang bekamen.

Die cleveren der emeritierten 68er übertrugen ihre Multi-Kulti-Erfahrungen überraschend schnell auf völlig neue Bereiche: Viele ältere Gastarbeiter (meist Bezieher von Mindestrenten) konnten nicht in die zerstörte Heimat zurück, hatten also verdammt wenig Geld für den Lebensabend in Österreich. Also bildete sich ein neuer Dienstmädel- und Hausknecht-Markt, vor allem in den Städten. Damals entstand die Kurzform "Seni" dafür, was man früher "guter Geist" geheißen hatte. Sie putzten, kochten, gingen einkaufen, versorgten auch die Kinder recht lieb. Deutsch konnten sie ja einigermaßen, besser jedenfalls als die illegalen Polinnen, die immer auch noch einen Krankenschein wollten, wenn ihnen was fehlte. (Wie damals die Behandlungskosten weiblicher Mitversicherter stiegen!)

Das Seni-Wesen klappte da besser, sie waren ja selber sozialversichert. Auch interkulturell gesehen ging es ganz gut. Aber der Bedarf an Senis wuchs rapide und konnte bei weitem nicht gedeckt werden. Die jüngeren Immigranten/innen wurden ja vom Arbeitsamt konsequent den Krankenanstalten und der Produktion zugewiesen. Der Preis von Dienstleistungen stieg unerträglich. Als dann "Seniopolis" gegründet wurde (zuerst in der Südtürkei, als Prototyp dann massenhaft in Indien), war der Bann gebrochen: Pensionierte Europäer kolonisierten ganze Landstriche, kauften Grund und Boden auf, ließen pflegegerechte Häuser bauen und schufen durch ihr Hinwelken Arbeitsplätze für viele Einheimische. Vorbild hierfür war auch "paradise valley" nahe Phoenix in Arizona gewesen, aber dort wurde ja wenigstens nur Englisch gesprochen, was vieles leichter machte.

Dies konnte daher natürlich nur auf der Basis jener interkulturellen Erfahrungen klappen, die von den 68er Gruftis eingebracht wurden: Sprachkurse waren nötig; körpersprachliche und gestische Kommunikation mußte allen (den pensionierten Emigranten ebenso wie dem einheimischen PflegerInnen) beigebracht werden; und Improvisation war gefragt. Vieles erinnerte an die Achtzigerjahre in Wien, Dornbirn oder Hallein.

Die drei privaten und zwei öffentlichen Fernsehprogramme kamen per Satellit aus Österreich über die Arabische See nach Kashmir, Goa und ins Dekkan-Hochland (dieses wurde bevorzugt, weil es klimatisch dem Tessin nahekam, nur etwas wärmer war es dort). Duo-Recorder nahmen gleichzeitig die deutsche Sprachspur und einen Übersetzungskanal in Hindi oder Englisch auf.

Mit diesen Seniopolis-Regionen entstanden Kontakte, die langfristig wirkten: Die Kinder der PflegerInnen lernten schon früh den Umgang mit unseren Oldies. Daher waren sie prädestiniert für eine spätere Immigration ins durchhängende Sozialwesen in Österreich selbst. Die Vorbereitungskurse (Sprache, Kulturtechniken, Hygiene, usf.) konnten vom teuren Land in das billige verlegt werden, was jährlich hunderte Millionen Schillung sparte. (Aber die Forderung, daß diese Summen nun für die Flüchtlingsbetreuung zustünden, wurde kühl abgeschlagen. "Anderer Budgetbereich!", hieß das Argument.)

Bezeichnenderweise bekam hindessen die Entwicklungshilfe 1999 und später überraschend saftige Budgetspritzen: Im Geheimpapier eines Sozial-Marketing-Institutes waren die Erfahrungen des USA-Gesundheitswesens mit dem brain drain aus Dritte-Welt-Ländern zusammengefaßt:

Im (Billiglohn-)Herkunftsland: - Grundschule in lokalen Volksschulen (Indien, Pakistan, Philippinen, etc.); - Sekundarschule auf Familienkosten in privaten "english secondary schools"; - Studium der Medizin bzw. Sprachdidaktik in staatlichen Universitäten; - post-graduate-courses für besonders Begabte in Stiftungen, die ihr Geld aus Sammlungen westlicher caritativer Organisationen bezogen.

Dann erfolgte umgehend die Ausstellung der Einwanderungsbewilligung in die USA und Zuweisung ins dortige Spitalswesen. Voraussetzung war natürlich, daß es keine komplizierten sprachbedingten Nostrifizierungsprobleme gab. So ließ sich also einiges an teuren Studienplätzen etc. einsparen. Mit diesem Verfahren begannen nun die Entwicklungshilfe-Projekte aus den deutschsprachigen Ländern auch zu kokettieren. Wenn nur die Sprachbarriere nicht gewesen wäre! Also wurde mit der Entwicklungshilfe ein Sprachkurs-System für das Deutsche gekoppelt. (Man lachte damals darüber, daß 1993 die Volkshochschule Wien ein Kursleitertraining für Deutsch als Fremdsprache um 27.000 Schilling auf den Markt gebracht hatte. Mit denselben Mitteln konnte man den mehr als zwanzigfachen Bildungseffekt in den Herkunftsländern bewirken.) Das dauert natürlich eine Zeit, bis es greifen wird. Hilfreich war dabei die Überarbeitung eines Fernseh- Sprachkurses, der 1992 in Klagenfurt für das türkische Fernsehen fertiggestellt worden war. Als "Freizeit für Deutsch" wurde er mit leicht verändertem Titel für diese neue Zielgruppe eingesetzt! Begonnen 1999, wird dieses Programm aber immerhin in etwa zehn Jahren, also schon 2011, einige Absolventen nach Österreich bringen. Die starken Geburtenjahrgänge 1940 bis 1944 sind dann ja in Pension und somit wird der Betreuungsbedarf rasant steigen.

Übrigens: Die Seniopolis-Regionen werden jetzt nicht mehr so gut angenommen, weil die Mitbestimmungsmodelle doch recht umständlich sind. (Echt 68er!) Die seit kurzem beworbenen Seniterranee-Projekte sind der neueste Renner! Die arbeiten auch mit besserem Personal: Sie werben nämlich den Krankenanstalten hier gezielt jene Pfleger und Schwestern ab, die fünf Jahre Praxis haben. AusländerInnen sind es zumeist, die dann als Remigranten in neuer Funktion heimkehren und durch die Sprachkenntnisse sensationell effektiv mit den Regionalbehörden umspringen. Das sind die echten multi-kulti-Profis, wie es sich niemand vorgestellt hatte, als dieser Allerwelts-Begriff die Medien überschwemmte.

Was das mit der Schule zu tun hat? Also bitte! Wie kann man so etwas fragen? Die Schule hat ja auch nur überlebt, weil die Bevölkerung undogmatisch mit dem Staat umsprang: Im Wiener Schul-Wahlkampf 1991 ("XY auf die Schulbank!", schrie und schrieb da der Polit-Boulevard) war das Migranten-Thema ja noch negativ besetzt gewesen. Die wie Schwammerln aus dem Boden gewachsenen Privatschulen hätten sich keine bessere Geheimreklame wünschen können. Sie profitierten damals von der Angst, Ausländer würden das Bildungsniveau drücken. Aber dann ging es ja recht rasch: Die American School Vienna errichtete blitzartig vier neue Direktionen in verschiedenen Bezirken. Die Klassen wurden einfach irgendwo untergebracht (mit der Werbung: "A school is not a building". Die Formulierung stammte ganz woanders her und wurde erfolgreich aus dem Zusammenhang gerissen). Da leckte der Fiskus Blut, konnte doch der Budgetposten "Schulbau" Jahr für Jahr um fünf Prozent gesenkt werden!

Aber damit nicht genug. Viele Lokale und Geschäfte wurden mit dem EST-Pickerl geziert (English Speaking Territory). Und das war nur ein Spiegelbild der damaligen Schulgesetze. Zugleich rückte die EURO-Propaganda subkutan das E ins Zentrum: Englisch im Fachunterricht der Oberstufe (später ETS=English Taught Subject); Englisch von Anfang an in der Volksschule ("Lolipop" nannten sie es lässig in der PÄDAK Ettenreichgasse). Diese Englisch-Mode hatte unvorstellbare Folgen. Zuerst wurde ein eigener Fachinspektor- Posten für Englisch geschaffen. Bald wurde der Status der "schulfremden Person" aufgehoben, damit ohne Umstände native speakers in den Englisch-Unterricht eindringen konnten. Damit bekam (ohne daß dies mitbedacht worden wäre), die Ethnizitäts-These Zustrom von ganz anderer Seite als von den Immigranten und den Mehrsprachigkeits-Propheten. Gerade die Österreicher, die ohnedies hier daheim waren, diskriminierten Heimat als Enge und wollten ihr entfliehen, indem sie für ihre Kinder eine Artefakt-Ethnie schufen: ESS (English Speaking Subjects). Immerhin begannen jetzt viele, auf die Schlager-Texte (Verzeihung: Hit-Texte) zu achten, die seit Jahrzehnten auf sie eingebrüllt worden waren...

1997, nach dem nostalgischen "ostarrichi"-Jahr, erfolgte dann der ökonomische Schnitt gegen das sündteuer gewordene staatliche Schulwesen: Die alte Forderung der Waldorf-Schulen, den Eltern Bildungs- Bons auszuhändigen, wurde realisiert - nicht gleich in ganz Österreich, aber immerhin in den großstädtischen Regionen, die bekanntlich finanziell am Ende waren. Mit dem Bon konnten die Eltern dann ihr Kind in die verbliebenen staatlichen ebenso wie in die grassierenden privaten Reformschulen einschreiben lassen. Damit war dann auch der Dampf aus der Ganztagesschul-Debatte abgelassen, die den Politikern schon mehr als lästig war: Sollten die Eltern ihre Kinder doch selber unterbringen, wie sie wollen.

Kurz bevor der Prestige-Status des Englischen wieder abnahm (die computergestützte Simultanübersetzung beliebiger Sprachen war bereits effektiver und sicherer geworden!), sprangen aber die Immigrantenkinder dritter Generation auf den Bildungszug auf: Was lag näher, als nach dem Vorbild der Internationalen Schulen (die ihr Geld aus Brüssel bezogen) Immigrantenschulen zu gründen und sich hierfür die Bildungs-Bons einlösen zu lassen. Damit hatte man mehrere Fliegen zugleich aufs Honigbrot gelockt: Endlich bekamen die ehemaligen Immigranten die Chance, auch als LehrerInnen zu arbeiten; endlich fielen ihre Sprachen nicht dem Sprachverlust zum Opfer; und letztendlich wurde so ihre Chance gewahrt, im Sozialzyklus mitzukreisen, der fast schon von den Immigranten der ersten Generation beherrscht wurde, also von den Seniopolis- und Seniterranee-Bediensteten und deren Kindern. Damals bildete sich der Begriff "Zyklomigrant" für diese Gruppe eben erst heraus.

In gerade diese Phase platzte dann aber natürlich die politische Reaktion: Eine Bewegung "Alte Heimat" lancierte ein Volksbegehren, daß nichtdeutsche Sprachen in der Öffentlichkeit nur beschränkt (so etwa 30% viel und nur mit einer Lautstärke von 30%) gesprochen werden dürfen. Überschreitungen sollten als Erregung öffentlichen Ärgernisses gelten und entsprechend im Schnellverfahren abgeurteilt werden. Die Anhängerschaft war zahlenmäßig beträchtlich, blieb aber machtlos. Es handelte sich nämlich meist um österreichische Mindestrentner, die zuwenig Geld hatten, um sich in den genannten klimatisch günstigeren ausländischen Seniorenregionen einzumieten. Sie kamen und konnten in dem ganzen multi-kulti nicht mehr mit.

Schon tragisch, daß ihre mächtigsten Gegner nicht die Zyklomigranten waren, sondern die fast schon abgehalfterten USA-Unterhaltungsmonopole einerseits und die japanisch-europäischen Übersetzungs-Chips Hersteller andererseits. Der "Barlitz/Lengenscheidt's cd-walkman dictionary" war ein Verkaufsschlager in den Schulen, weil er bereits eine Komponente vom Bild zur Phonetik verschiedener Sprachen enthielt. Das Konkurrenzprodukt war der "Mitsubishi-Bartelsman universal-pictogramm-language-manager". (Ägyptologie verbunden mit Sinologie galt übrigens als Modestudium. Die Computer-Schriftgelehrten verdienten sich nämlich krumm.)

Oh, da lese ich gerade am Bildschirm: "Die Kultur aller Eigenschaften" als Plagiat entlarvt. Mira Lobes "Bimbulli" war das Vorbild. War das nicht die Dichterin, die 1964 einen Frosch sagen ließ "Das ist mein Hut!" und "Ich bin kein lieber Frosch!", als ein Hirschkäfer, eine Heuschrecke, ein Schmetterling, eine Raupe, zwei Ameisen, ein Käfer, ein Eichkatzerl, eine Maus und ein Leuchtkäfer zu ihm ins Boot wollten? Die Geschichte endet dann so:

Prinz Küken: Wir möchten ja nur bleiben, so lange es regnet. Frosch: Warum denn, Regen ist gesund! Prinz Küken: Für dich vielleicht! Weil du ein Frosch bist und groß und stark!

Das Gewitter, vor dem sie alle Schutz suchten, ging übrigens gut vorbei...

(Fußnote: Lobe, Mira: Bimbulli.(1964),12. Auflage 1986.

PS: Warum nach 1993 nur mehr selten Beschreibungen über interkulturelles Lernen verfaßt wurden, ist klar: Die Leser hatten es satt, immer zugleich von Lösungsvorschlägen und vom Fehlen der dafür nötigen Mittel zu hören. Wer sich damals informieren wollte, war ja wirklich schon gut bedient.

(Fußnote: Lit.:

Gauß, Rainer: "Sie haben mich zu einem Ausländer gemacht, dann bin ich einer geworden". In: ERZIEHUNG HEUTE 2 (1992), S. 5-11.

Lau, Gerd: Schulrecht für Migrantenkinder. In ERZIEHUNG UND UNTERRICHT 4 (1991), Österreichischer Bundesverlag, Wien 1991, S. 248-253. (Schwerpunktnummer "Von der Ausländerpädagogik zum interkulturellen Lernen", koordiniert von Pinterits, Manfred; Gauß, Rainer; Lau, Gerd)

Lau, Gerd: Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer. Über die Lage der Lehrer zu einer Zeit, da sich Zölle und Sprachenvielfalt reziprok verhalten. In: Deutschunterricht zwischen Realität und Utopie. Modelle, Konzepte und Erfahrungen. Zum 60. Geburtstag von Josef Donnenberg. Hg. von Günther Bärnthaler und Josef Sampl. Akademischer Verlag, Stuttgart 1991 (=Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik), S. 123-139.

Lau, Gerd: Erstmals DaZ-Lehrpläne an Österreichs Schulen. In: Informationen zur Deutschdidaktik. Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule, ISSN 0721-9954, 4(1992), (Themenheft "Deutsch als Zweitsprache"), S. 61- 70.

Gauß, Rainer; Lau, Gerd: Mehrsprachigkeit in Österreichs Schulen: "... liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich?" In: Internationales Jahrbuch SOCIOLINGUISTICA 7 (1993), Niemeyer Verlag, Stuttgart.)